Seelensuche unterwegs in San Sebastian to be continued

Bar Antonio oder Diga me!

Hier kann es nicht sein! Das ist der Gedanke eines jeden Besuchers, der diesen Ort sucht und nicht glaubt, ihn gefunden zu haben. Aber über dem unscheinbaren Ladenlokal steht es . Und die Menschenansammlung vor der noch einmal kontrollierten Adresse weist auch aus, dass es sich um einen besonderen Ort handeln muss. Eine kleine Fensterfront in einem eher hässlichen Neubau, davor sechs Barhocker und ein schmaler angeschraubter Metalltresen vor einem großen geöffneten Fenster., das den Zugang zu diesem unscheinbaren Paradies darstellt, den Zugang zu einer Bar, hinter deren Theke hochkonzentrierte Handlungen und Rituale vollzigen werden, die für die Menge vor dem Tresen offensichtlich klar und nachvollziehbar sind, einen verwirrten sprachunkundigen Reisenden jedoch vor Rätsel stellen. Aber da alle so entspannt und fröhlich sind und offensichtlich das ganze Viertel diesen Ort auserkoren hat, um Wein zu trinken, in gnadenloser Lautstärke zu lachen, zu reden und zu diskutieren, wartest du auf diesen magischen Moment, wo du einen der begehrten Barhocker ergattern kannst, um teilzuhaben an dem Spektakel, das hier Abend für Abend aufgeführt wird.

Du suchst nach Orientierung, nach einem Wegweiser in der üblichen Form der Übergabe einer Karte, die deine Krücke bilden soll, um teilhaben zu können, einen Menschen, der dir hilft, deinen ersten Durst zu löschen und dir sagt, wie es jetzt weitergeht. Du verstehst das nicht, weil du doch auf dem Barhocker sitzt und vor dir in greifbarer Nähe all das präsentiert siehst, wofür du hergekommen bist. Der große hagere Mann hinter der Bar nimmt Kaskaden von Bestellungen entgegen, füllt unablässig Rotwein in Gläser, zapft eiskaltes Bier und reicht Tellerchen mit kleinen Kostbarkeiten, die hier Pintxos heißen, an die Menschen vor ihm, nach einem System, das du nicht erkennen kannst, weil an diesem Ort nirgendwo etwas aufgeschrieben oder notiert wird. Über eine Wendeltreppe werden weitere Teller mit warmen Bissen gebracht, die von irgendjemanden zu irgendeinem Zeitpunkt geordert worden sind. Du kannst jetzt schon erkennen, dass das, was auf diesen Tellerchen liegt oder aufgespiesst ist, schon nach der Art des Anrichtens eher in ein avantgardistisches Restaurant mit Anspruch auf Auszeichnungen gehört. Du sitzt da und fühlst dich wie ein Zuschauer in einer Kleinkunstbühne, die Minuten verstreichen und du willst diesen Zauber nicht brechen, oder vielmehr traust du dich nicht, weil du insgeheim befürchtest, aus dem Paradies vertrieben zu werden, bevor du teilnehmen durftest. Dein errungener Sitz muss doch etwas bedeuten. Weitere Minuten verstreichen, die dir wie kleine Ewigkeiten vorkommen, aber je länger du Ihm zusiehst, diesem Hexer hinter der Bar, erkennst du, dass es eine nur ihm wirklich bekannte Choreogarphie gibt, die deinen Einsatz vorsieht, bald, bald, aber noch nicht jetzt!

Plötzlich liegt ein ruhiges Lächeln auf dir und ein paar konzenrierte dunkle Augen betrachten dich erwartungsvoll. „Diga me!“ ist alles was dir sagt, dass deine Zeit gekommen ist, und du hast seine volle Konzentration, für einen kurzen Moment, der nur dir gehört. Ein reiner Tempranillo muss es sein aus dem Rioja, vino tinto und ein gut gekühltes Glas Verdejo aus der Flasche, die du vorher schon in seinen Händen gesehen hast, Wasser natürlich und……? „Vale!“ ist die einzige Antwort., aber mit einem Ausdruck, der dir klarmacht, nicht mehr vergessen zu werden. Und wie von Zauberhand kommen Brotkorb, Gläser, Besteck und Servietten von hinten durchgereicht. Weil du jetzt dran bist! Der Wein kommt und er ist wirklich gut, sehr gut sogar und du stellst die These auf, dass nichts von diesem guten Wein die Landesgrenze überquert, weil er eben hier getrunken wird. „Mira!“ ist der nächste Befehl des Choreographen und er zeigt auf viele Tafeln hinter sich hoch über dem Tresen, die du festgenagelt auf deinem Hocker noch nicht wahrgenommen hast. Und jetzt musst du dein Zeitfenster nutzen, das er dir schenkt, und du bestellst alles, was du erkennen kannst. Er blickt dich ungerührt an, nachdem du endlich fertiggeworden bist und sagt wieder dieses Zauberwort. „Vale!“ und du weisst, dass du dich entspannen kannst, weil du jetzt drin bist in der Aufführung. Und dann kommen sie! Immer wieder stellt er einen dieser Teller vor dich hin. Gambas auf Pimientoschaum, gebratene foie gras, Risotto mit den berühmten baskischen Champignons, Ravioli mit Langustinen, knuspriger Ochsenschwanz, Tortilla mit Anchovis, Solomillo auf einem cremigen erdigen Püree, gebratener Oktopus, Calamaretti und, und, und…..Dein Glas wird niemals mehr leer, deine Wünsche werden dir ab jetzt sämtlich erfüllt, du hast keine Sorgen mehr, weil du auf diesem Hocker sitzt und nur warten musst auf das ab jetzt immer wiederkehrende „Diga me!“ und das versichernde „Vale!“. Das Essen ist unfassbar lecker, du bestellst noch einen Nachtisch und einen Cafe und dann sinkst du, nachdem du deine Karte über den Tresen gereicht hast und dich auch nicht mehr darüber wunderst, wie der Zeremonienmeister alles noch zusammenbekommt, obwohl du nichts mehr zusammenbekommst.

Nächster Tag. Du läufst noch einmal zufällig über diese Straße, kommst noch einmal vorbei an dem Tresen, der gestern dir gehört hat. Ein lauter Ruf aus dem Fenster. Dann kommt er auf die Strasse und überreicht dir deine Karte mit einem Lächeln. Du bedankst dich. „Vale!“

Die Fakten:

Antonio Bar
Humberto Seguro/Ramon Elizalde
Kalea Bergara 3
20005 Donostia-San Sebastian
Tel.943429815
antoniobar.com
mo-do 9.00-23.00
fr-sa 9.00-24.00

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